Analyse – oder über Parameter im Designprozess

Welcher Pfeil trifft welches Ziel?

Analyse wird im Designprozess oft an erste Stelle vor Konzeption und Entwurf gesetzt. So lernen es tausende Studenten in ihrem Designstudium Jahr für Jahr. Aber was hat es damit auf sich? Problem erkannt, Problem gebannt. Ist es wirklich so einfach?

Die Anwendung des Begriffs Analyse gibt vor, das zu Untersuchende durch eine Zerlegung in seine Bestandteile besser erfassen und benennen zu können. Das Komplexe wird also in vermeintlich minderkomplexe Teile zerlegt. Diese werden bewertet und in Relation gesetzt. Die Kriterien der Untersuchung unterliegen dem Subjekt und seinem Kontext. Am Ende sollen die Einzelergebnisse zusammengenommen und wieder als Einheit betrachtet zu neuen Beschreibungen und Erkenntnissen führen und so den Designprozess vorantreiben. So weit, so gut. Aber vielleicht doch nicht ganz so einfach, und vielleicht unbeabsichtigt mehr Komplexität schaffend als gewünscht?

Drei kleine Exkurse in die Welt der Wissenschaft:

Heisenbergsche Unschärferelation
Die in der Welt der Quantenphysik beheimatete Unschärferelation besagt, dass es unmöglich ist, Ort x und Impuls p eines Teilchens gleichzeitig genau zu bestimmen.
Je genauer man den Ort misst, umso ungenauer wird die Information über den Impuls. Die Unschärferelation ist nicht einfach das Ergebnis einer meßtechnischen Ungenauigkeit sondern beruht auf einer logischen Annahme, die sich mathematisch beweisen lässt. Die Unschärferelation ist also eher prinzipieller Natur und begründet sich nicht in den technischen Einschränkungen der Messapparaturen. Grob gesagt, könnte man es so zusammenfassen: Je genauer man das Eine misst, desto ungenauer wird die Messung des Anderen. Oder: je mehr man den Fokus auf das Eine legt, desto unschärfer wird das Andere.

Schrödingers Katze
Dabei handelt es sich um ein Gedankenexperiment, welches besagt, dass sich eine Katze zusammen mit einem instabilen Atomkern in einem geschlossenen Raum (Black Box) befindet. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt der Atomkern innerhalb einer bestimmten Zeitspanne. Der Experimentalaufbau sieht vor, dass sich in dem Raum ein Geigenzähler befindet, der sowohl die radioaktive Substanz im Falle eines Zerfalls messen kann als auch just in dem Moment der bestätigten Messung über ein Relais ein Hämmerchen auslöst, welches ein Kölbchen mit Blausäure zertrümmert und die Katze daran sterben lassen würde. Es stellt sich die Frage, wann genau die Katze tot ist und ob sich dies exakt bestimmen lässt.

Black Box
Innere Funktionsweise/der innere Aufbau ist nicht bekannt oder wird vernachlässigt. Dadurch wird die Komplexität des zu analysierenden Gegenstandes/Umstandes reduziert. Von Bedeutung sind Eingabe und Ausgabe, Aufgabe und Ergebnis, Reiz und Reaktion. Durch Unkenntnis des Inneren der Blackbox findet eine Reduktion in der Beschreibung (vereinfachte Annahme) statt. Dies kann neue Lösungsansätze ermöglichen. Die Unbekannte(n) (im Inneren der Black Box) können möglicherweise durch ein neues Design ersetzt werden. Die Analyse wird also bewusst reduziert, um den Fokus auf das Ergebnis zu lenken.

Doch zurück zur Analyse im Designprozess. Nehmen wir an, der Designer sei ein Bogenschütze.

Betrachten wir nun das Bild des Bogenschützen genauer. Was bildet sich vor unseren Augen ab?

Der Bogenschütze wählt einen Pfeil aus seinem Köcher, spannt ihn in seinen Bogen ein, wie er es gelernt hat und gewohnt ist, zieht die Sehne bis zu einer von ihm gewollten gewissen Spannung, zielt auf eine Zielscheibe, lässt los und trifft möglicherweise ins Schwarze.

Alles klar, oder?

Da könnte es aber noch ein paar Fragen geben:

  • Ist der Schütze Anfänger, Fortgeschrittener oder Meister?
  • Wer definiert diese Zuweisungen und Kriterien?
  • Welchen Einfluss hat dies und das Können auf den Schuss?
  • Welchen Bogen benutzt der Bogenschütze und warum?
  • Welche Pfeile sind in seinem Köcher?
  • Nach welchen Kriterien hat er die Pfeile ausgewählt?
  • Welche Zielscheibe wird ausgewählt und warum?
  • Ist die Entfernung bekannt/selbst gewählt?
  • Ist es windig und wie steht der Wind?
  • Welche psychischen und körperlichen Faktoren spielen im Moment des Schusses eine Rolle?
  • Und was ist, wenn der Pfeil die Zielscheibe verfehlt?
  • Ist der Pfeil im Gestrüpp verloren oder lohnt es sich (nach ihm) zu suchen?
  • Aber warum sucht der Schütze den Pfeil und somit das, was er schon kennt?
  • Lohnt es sich nicht vielmehr, das »Ziel« neu zu definieren?
  • Wer sagt, dass die Zielscheibe das Ziel war und nicht das »Gestrüpp«?
  • War das »Gestrüpp« nicht die Antwort auf die Frage »Zielscheibe«?
  • Oder war der Weg zur »Zielscheibe« die falsche Fragestellung?

Dies sind nur einige beispielhafte Fragen, die zeigen sollen, wie im Prozess der Analyse neue Parameter auftauchen, die zusätzliche Komplexität generieren und dem Analyseprozess selbst ein Fragezeichen auferlegen können.

Analyse & Gestaltung
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das ist so weit korrekt, da auch die Komplexität mit zunehmender Durchdringung wächst. Der Analyseprozess dient daher vielleicht in erster Linie der Aneignung und erst in weiteren Schritten der Möglichkeit von Verständnis und Beschreibung, wobei immer die Frage der Referentialität, sprich dem Subjekt-Objekt-System-Verhältnis (Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem) geklärt werden sollte, soweit dies überhaupt möglich ist. Analyse bedeutet aber immer auch Setzen von Parametern. Diese beeinflussen automatisch das Ergebnis der Analyse und somit den ganzen Designprozess. Vielleicht ist es an der Zeit, den Designprozess vor der Analysephase beginnen zu lassen, sprich die Methode der Analyse zu gestalten, um durch gezielt gesetzte Parameter zu anderen und daher neuartigeren Lösungen zu kommen?

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