Die Idee einer Teekanne

Vielleicht brauchen wir ab und zu Design als »eine Idee von ...«?

Der Maler Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch hat nicht nur mit seinem Gemälde »Das Schwarze Quadrat auf weißem Grund« eine Ikone der modernen Kunst geschaffen, sondern auch eine Teekanne entworfen, die in der Kaiserliche Porzellanmanufaktur St. Petersburg (Lomonossow Porzellanmanufaktur) hergestellt worden ist. Die Form folgt formal so konsequent der Vorstellung Malewitschs, dass sich ein praktischer Nachteil in der Nutzung abzeichnet. Das wird auf jeden Fall in einem Brief des Fabrikleiters deutlich: »Herr Malewitsch, Ihre Teekanne gießt nicht gut.« Die Antwort von Kasmir Malewitsch wird folgendermaßen überliefert:  »Herr Direktor, es handelt sich nicht um eine Teekanne, sondern um die Idee einer Teekanne.«

Der durch Malewitsch begründete Suprematismus folgt keiner Abstraktion einer gegenständlichen Welt sondern setzt eigenständig, neben die bestehende Welt und deren Wahrnehmung, ein formales Konstrukt – basierend auf einer gedachten Vorstellung.

In dieser Hinsicht ist der Ausdruck »die Idee einer Teekanne« nicht einfach nur als bloße Trotzreaktion eines kritisierten Gestalters zu werten sondern vielmehr als Anregung, was Kunst oder Design auch sein sollten: der Versuch, Lösungen zu finden, die über einen bereits gegangenen Weg von Gestaltung hinausgehen. Design, das nur gefallen oder verkauft werden will, ist vielleicht genauso überflüssig wie eine Teekanne, die nicht funktioniert. Es gibt schließlich schon Teekannen, die funktionieren. Es geht hier also vielleicht nicht um eine schlecht funktionierende Teekanne sondern um ein Theorem über Design anhand einer Teekanne. Jedes Design ist immer auch Ausdruck eines formgefundenen Gedankenexperiments.

Wenn Malewitsch von der »Idee einer Teekanne« spricht, erinnert diese Bezeichnung an René Magrittes Schriftzug »Ceci n’est pas une pipe« unter einer realistisch gemalten Pfeife auf seinem Bild »La trahison des images«. Jedes Bild, so realistisch es auch sein mag, ist immer nur ein Abbild vom dargestellten Objekt. In gewisser Weise ist es ein Zitat und damit ein »Stellvertreter«. Dies muss aber nicht per se schlecht oder weniger interessant als das Original sein. Vielleicht kann man mit den »Stellvertretern« experimentieren, sie anders darstellen, neue Bezüge suchen, andere Verknüpfungen erzeugen und ungewöhnliche Formen ausloten und genau durch diese Freiheit das Original thematisch und formal erweitern. Und so vielleicht zu ganz neuen Lösungen gelangen.

Jeder neue Entwurf einer »Teekanne« ist immer auch ein Versuch, neben die existierenden »Teekannen« eine erweiterte Fassung der schon bekannten Formen und Funktionen zu setzen.

Vielleicht brauchen wir ab und zu Design als »eine Idee von …«? Nicht nur, um einen Diskurs in Gang zu setzen, was Design sein könnte.

Kommentar verfassen