Grundlagen – durch Aktion & Reaktion

Auf was kann man zurückgreifen?

Sie betrat diesen Raum, an dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift ‚Grundlagen‘ befestigt war. Sie hatte keine Vorstellungen davon, was sie darin erwarten würde. Nach wenigen Schritten befand sie sich scheinbar in der Mitte des Raumes. Zu ihrer Verwunderung hatte der Raum keine Fenster, war aber von gleißendem Licht erfüllt. Ihre Augen brannten, und sie mußte ihre Augenlider zusammenkneifen. Blinzelnd versuchte sie sich zu orientieren. So sehr sie auch schaute, es war keine Lichtquelle auszumachen. Es war, als ob die Wände leuchteten. Hinzu kam noch, daß der Raum keine Begrenzungslinien zu haben schien, die die Wände von Decke und Boden trennten. Er war seltsam, dieser Raum, von ihr ohne bestimmte Vorstellungen betreten. Außer beißender Helligkeit wollte er nichts offenbaren. Nach einer Kehrtwendung zeigte sich zu ihrer Beruhigung eine schwarze Türklinke. Sie wollte sich diesmal sicher sein, was sie erwartete. Die Vorstellung gab ihr Recht.

Es gibt Grundlagen. Grundlagen beruhen auf der Gemeinschaft von agierenden Beobachtern innerhalb eines Netzwerkes. In diesem Fall ist das Netzwerk die Diziplin DESIGN im weitesten Sinne.

Grundlagen werden von Beobachtern selbst innerhalb einer Gemeinschaft von Beobachtern geprägt und erschaffen. Man könnte auch sagen, daß die Persönlichkeit der einzelnen Partizipanten im Netzwerk mit ihren Vorstellungen und Gedanken und dem Willen, genau an diesem einem bestimmten Netzwerk teilzunehmen, die Grundlage der Grundlagen bildet.

Ein Netzwerk in seiner Vermittlung funktioniert nicht ohne Beobachtung. Ein nicht wahrgenommenes Netzwerk hat (für die Gemeinschaft der Beobachter) keine Relevanz. Das Wahrgenommene wird vom Beobachter verarbeitet und daraufhin eine beobachtergesteuerte Reaktion in das Netzwerk eingebracht. Der teilhabende Beobachter funktioniert als Bindeglied innerhalb des Netzwerkes, der neue Bezüge knüpft und dadurch das System am Leben erhält und vorantreibt.

Das Netzwerk DESIGN in seiner Funktion mit einer Menge von teilnehmenden Beobachtern ist abhängig von den agierenden Beobachtern und ihren Vorstellungen vom Netzwerk, an dem sie partizipieren. Jeder Teilnehmer fungiert als Synapse mit dem besonderen Zusatz eines eigenen Wahrnehmungs- und Deutungsapparates, der ihm gestattet, auch an anderen Netzwerken zu partizipieren und deren Informationen in das Design-Netzwerk einzubringen.

Die Teilnehmer des Netzwerkes DESIGN treffen sich unter einem Anliegen. Es gibt spezifische Fragestellungen, aber auch spezifische Antworten, auf die sie (aufgrund eines längeren Bestehens des Netzwerkes) zurückgreifen können.

Das Netzwerk hat einen Inhalt, der sich auf die partizipierenden Beobachter aufteilt.

Der Inhalt des Netzwerkes ist abhängig von den Vorstellungen und Handlungen der einzelnen Beobachter. Das Netzwerk ist als Plattform zu verstehen, auf der die Vorstellungen der einzelnen Beobachter in Erscheinung treten können. Diese Vorstellungen und Gedanken müssen nicht nur in theoretischer Form vorliegen wie etwa in Reden, Aufsätzen und Büchern sondern auch in praktischer Ausprägung von Vorstellungen wie etwa Bildern, Produkten und Architektur.

Die Plattform besteht also aus zwei Ebenen: der theoretischen Ebene und der praktischen Ebene, die aneinander gekoppelt sind. Verbunden sind sie über den agierenden Beobachter im Netzwerk, der das Wahrgenommene zu einer kommunikativen Größe werden läßt und diese innerhalb seiner Person, unter den durch ihn erstellten Verknüpfungen zum Netzwerk und somit zu den anderen Beobachtern, verarbeitet und als theoretischen oder praktisch umgesetzten Output wieder in das Netzwerk einspeist, d.h. in Erscheinung treten läßt.

Die Wörter, die Bilder, die Dinge sprechen zu uns. Die Auseinandersetzung erfordert das ‚Beobachten‘ bzw. ‚Lesen‘. Ohne ‚Lesen‘ gibt es keine Botschaft und keine Vermittlung. Im Falle des ‚Lesens‘ findet eine systemische Vermischung im Bewußtsein des ‚Lesers‘ statt. Die Informationen des ‚Etwas‘ treten in Interaktion mit der persönlichen Sinnordnung des reflektierenden ‚Beobachters‘.

Der Sinn und dessen formale Zuordnung wird auf dem Fundament des Beobachters erdacht. Diese Erweiterung des Netzwerkes in die Vorstellung des Lesers ermöglicht ihre Erweiterung und Verdichtung und bildet die Grundlage für das Funktionieren des Netzwerkes.

Die Formen der Erscheinung, die im Netzwerk auftreten, verlangen nach einer Ergänzung. Der Wille zur Ergänzung ist in den einzelnen Beobachtern dadurch angelegt, das sie neben dem Design-Netzwerk auch noch an anderen Netzwerken partizipieren. Die persönliche Ausprägung eines jeden Beobachters bedingt eine jeweils unterschiedliche Wahrnehmung und Auffassung vom Netzwerk.

Für jeden Beobachter ist das Netzwerk zum einen unvollständig. Es bedarf seiner Auslegung, um notwendige Verknüpfungen zu erstellen. Zum anderen erreicht das Rudimentäre durch die Erweiterung innerhalb der Vorstellungen der Beobachter eine Gesamtheit. Von dieser Gesamtheit profitieren die einzelnen Teilnehmer durch die Zugriffsmöglichkeit auf netzwerkspezifische Informationen, die die eigenen bei Bedarf erweitern können.

Man kann nun sagen, es gibt zwei Formen von Grundlagen innerhalb des Netzwerkes. Die primären Grundlagen ermöglichen das Bestehen des Netzwerkes und erhalten es am Leben, d.h. sichern das Funktionieren. Die sekundären Grundlagen bewegen sich innerhalb des Netzwerkes auf inhaltlicher Ebene.

Ein Netzwerk ohne Grundlagen ist tot. Entscheidend dabei ist die Relevanz eines Netzwerkes. Wenn sich niemand um die Belange von Gestaltung kümmern würde, gäbe es zwar Gestaltung aber nicht die Diziplin Design, wahrscheinlich nicht einmal das Wort ‚Gestaltung‘. Sobald der Versuch unternommen wird, Regeln aufzustellen, sobald eine Austausch über das Wie und Warum von Gestaltung stattfindet, gibt es das Netzwerk DESIGN. Dabei geht es nicht um die temporäre Gültigkeit von aufgestellten Regeln, sondern dass es überhaupt eine Gemeinschaft gibt, die sich darüber Gedanken macht und diese Gedanken untereinander austauscht.

Diese Form der Grundlagen bedürfen der Gemeinschaft der agierenden Beobachter. Es gibt Grundlagen, d.h. Regeln, eines Wie innerhalb des Netzwerkes, die oft gar nicht formuliert werden. Diese Grundlagen dienen dem Erhalt des Netzwerkes. Folgende Grundlagen lassen sich u. a. ausmachen:

  • Es gibt ein Netzwerk DESIGN und eine Interessengemeinschaft, die daran partizipiert
  • Das Netzwerk DESIGN erfährt durch die partizipierende Gemeinschaft eine Erweiterung, von der die einzelnen Mitglieder/Beobachter profitieren
  • Jeder Teilnehmer ist dazu aufgefordert, seine Vorstellungen, Gedanken und Ausdrücke zum Netzwerk DESIGN in das Netzwerk einzubringen, um damit möglicherweise Reaktionen hervorzurufen
  • Das Netzwerk fungiert als ein Pool von netzwerkspezifischen Verweisen, die aufgegriffen oder erweitert werden können
  • Jeder Stellungnahme zum Netzwerk bereichert das Netzwerk
  • Die Teilnehmer des Netzwerkes erkennen die Notwendigkeit des Netzwerkes an
  • Alle Teilnehmer haben Zugang zum Netzwerk
  • Das Netzwerk ist offen für Veränderungen und neue Teilnehmer
  • Jeder Teilnehmer erkennt die Notwendigkeit der anderen Teilnehmer am Netzwerk an
  • Dem Netzwerk DESIGN wird von seinen Partizipanten Funktion, Nutzen, Bedeutung, Sinn, Möglichkeit und Notwendigkeit zugewiesen

Der Konsens, unter dem die Beobachter am Netzwerk teilnehmen, bildet die inhaltlichen Grundlagen aus. Die inhaltlichen Grundlagen beruhen auf der Annahme eines Pools von Verweisen, der spezifisch auf das Netzwerk DESIGN, dessen Probleme, Fragestellungen und Lösungen zugeschnitten und gefüllt worden ist. Auch hier bilden sich spezifische Grundlagen aus:

  • Das Netzwerk DESIGN behandelt designspezifische Probleme und bewegt sich innerhalb dieser Probleme und Lösungen. Daraus folgt, dass alle Einwürfe aus anderen Bereichen netzwerkspezifisch aufgearbeitet und modifiziert werden, um ins Netzwerk DESIGN integriert zu werden
  • Das Netzwerk DESIGN benutzt eine netzwerkspezifische Sprache, die sich im Laufe des Bestehens des Netzwerkes entwickelt hat und sich zunehmend weiterentwickelt
  • Das Netzwerk DESIGN hat eine Vergangenheit und dadurch einen erarbeiteteten Status Quo. Dies bietet die Möglichkeit des Vergleichs und der Verweisbarkeit
  • Diskussionsbasis (Einbringen von Beiträgen in das DESIGN-Netzwerk) ist der Pool des Netzwerkes, d.h. die auf der Plattform des Netzwerkes veräußerten Informationen der partizipierenden Teilnehmer
  • Es gibt Übereinstimmungen in den Vorstellungen der einzelnen Teilnehmern des Netzwerkes DESIGN, die eine Kommunikation innerhalb des Netzwerkes ermöglicht. (Anerkennung von Basiswissen als Grundlagen)
  • Es gibt relevante Informationen innerhalb des Netzwerkes, die jeder Netzwerkteilnehmer als gültig anerkennt und nicht mehr in Frage stellt
  • Die Geschichte des Netzwerkes DESIGN mit seinen erarbeiteten Informationen gilt als verbindlicher Pool, auf den sich alle Netzwerkteilnehmer berufen können

Im Design gibt es Fakten. Es gibt die Geschichte des Werdens. Und es gibt immer etwas, was bleibt. Es gibt Essenz. Wofür gäbe es sonst die Bemühungen, an diesem Netzwerk zu partizipieren und es weiterzuentwickeln? Ein nur dynamisch sinnloses Konglomerat von Verweisen würde uns hier nicht erlauben, überhaupt zu argumentieren, weil es ein unbefriedigendes Erlebnis wäre, alle Sätze mit Fragezeichen zu versehen oder ein ‚aber‘ hinzuzufügen. Der Glaube an Sinn und Erkenntnis ist vielleicht die erste Grundlage unseres Tuns.

Sicher: es gibt kein Zu-Ende-Denken. Es gibt die alleinige Wahrheit nicht. Es gibt nicht die absolute Form – weder den absoluten Stuhl, noch die perfekte Kaffeemaschine. Es gibt nur den Versuch der Lösung. Es gibt Dynamik. Es gibt den Prozess. Und dieser fordert die Teilnehmer des DESIGN-Netzwerkes immer wieder heraus. Über die Vorstellungen und das Bewußtsein der partizipierenden Beobachter gibt es die ständige Möglichkeit der Erweiterung. Diese Herausforderung läßt das Netzwerk nicht zum erliegen kommen. Dies besagt aber nicht, dass es innerhalb des Prozesses nicht relativ statische Einheiten gibt. Es gibt die Grundlage des Netzes selbst und auch seine Inhalte, die auf die Teilnehmer verweisen. Es sollte ihn nicht geben – den Abgesang auf die Grundlagen – aber es gibt ihn, damit im Prozess eine Anpassung stattfinden kann. Die Basis ist der Ausgangspunkt, von dem ich losgehe. Ja, und er Punkt, den ich erreiche, kann auch wieder ein Ausgangspunkt sein. Wenn ich nicht auf das Wissen zurückgreifen könnte, welches mir das Netzwerk mit der Zeit zugetragen hätte, wäre es nicht unbedingt sinnvoll, hier diesen Essay zu verfassen.

Sie wusste, dass sie sich selbst betrogen hatte. Sicherlich konnte sie sich auf ihr Gedächtnis verlassen. Sie las dieses Wort, und sogleich stellte sie sich vor, was sie darunter verstehen konnte. Nein, sie war nicht der erste Mensch. Sie konnte ihre Vorstellungen nicht beliebig abschütteln. Sie war vernetzt. Sie war ein Teil vom Ganzen. Und nie würde sie sich separieren können. Sie glaubt an sich und den Rest.
(Dieser Beitrag entstand 2002 im Rahmen des Research Projektes „the basic paradox.“)

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