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Designtheorie – Versuch einer Definition

Was zeichnet Designtheorie aus? Warum Designtheorie?

Zwei Fragen und keine eindeutigen Antworten. Das ist schon ein erstes Indiz für das Problem der Designtheorie: das weite Feld. Die Theorie der Praxis trifft auf immer neue Ausformungen von Design (als Disziplin).

Ein Stuhl ist ein Stuhl. Der Designer will ihn entwerfen. Der Nutzer will ihn benutzen. Eine Website ist UX. Der Designer gestaltet. Der Nutzer will schnell Informationen. Irgendwo dazwischen pendelt die Theorie? Der Gestalter verwendet in den meisten Fällen nicht bewusst die Theorie. Aber er muss zugeben, dass es bei jedweder Gestaltung automatisch auch um Problemlösung geht. Dann geht es um Gedanken, Fragen und Antworten. Die Theorie kommt ins Spiel. Und dann geht es los mit Bedeutungen, Zuweisungen und Verweisen.

Designtheorie ist ein Stiefkind des Designs. Es gibt sie. Irgendwo zwischen den Zeilen der Entwurfslehre, der Formlehre, der Ästhetik, der Designgeschichte und dem formalen Ausdruck. Sobald Beobachtung stattfindet (siehe: Uwe von Loh, Design als Kommunikation von Modellen). Und sobald über Design geredet wird. Aber manchmal wird sie profan und landet in Designmagazinen oder wird zur Wissenschaftstheorie erhoben und theorisiert vor sich hin, verliert vielleicht dadurch ab und an die Anschlussfähigkeit zum Design der Praxis. Und diese unterschiedlichen Ansprüche und Sichtweisen machen die Definition von Designtheorie nicht einfacher.

Es stellt sich zudem eine andere Frage: Wie wissenschaftlich muss Designtheorie sein? Das klingt wie ein Problem, das keins ist, aber so einfach ist das nicht. Design an sich bewegt sich zwischen Trivialität und Anspruch, zwischen Ausdruck und Gebrauch, zwischen Formgestaltung und Styling, zwischen zweiter und vierter Dimension, zwischen realem Objekt und virtueller Welt, zwischen Benutzeroberfläche und Prozessoptimierung.

Designer werden manchmal als professionelle Dilettanten, die zwischen verschiedenen Stühlen sitzen, bezeichnet. Design im Bereich Industriedesign ist auch noch gar nicht so eine alte Disziplin. Noch Mitte des letzten Jahrhunderts haben den Part des Designers die Ingenieure und Architekten übernommen. Daher gibt es im Bereich Design immer noch Bedarf an Erklärung und Grundlagenforschung. Design ist viel mehr als reine Formgebung. Mit einem »form follows function« ist es nicht getan.

Design ist ein Dazwischen. Es ist eine Inbetween-Disziplin. Sie bedient verschiedene Felder und bedient sich ihrer. Sie ist multidisziplinär. Ob sie damit zwangsläufig multitasking-fähig ist, wäre eine weitere zu erörternde Frage. Designtheorie ist, wie die Disziplin Design, ein Konglomerat aus Verweisen und Bezüglichkeiten: Kunstgeschichte, Soziologie, Psychologie, Philosophie, Linguistik, Ästhetik, Ergonomie, Physik, u. a. Durch dieses Teilhaben und die damit verbundene Teilverwertung kann Designtheorie diesen Wissenschaftsdisziplinen in ihrer Wissenschaftlichkeit nicht immer gerecht werden, weil Aspekte dem Urkontext entzogen werden und in ihrer Verwendung relativiert werden zum ursprünglichen wissenschaftlichen System. In wie weit gelingt es der Designtheorie ein eigenständiges System aufzubauen, das verbindliche Begriffe und Inhalte aufweist und wissenschaftlichen Regeln gerecht wird? Es gibt erste Ansätze wie das Promotionsrecht für Designwissenschaften. Im Sinne einer Grundlagenforschung und Bestärkung der Designtheorie als Disziplin ist diese Entwicklung begrüßenswert, folgerichtig und dringend notwendig. Was sind aber verbindliche Grundlagen der Designtheorie, die nicht bloß designgeschichtliche Aspekte beleuchten und ausweisen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob und in wie weit Wissenschaftsanspruch in einer eher auf die Zukunft ausgerichteten Disziplin unterstützend wirken kann? Könnte es nicht auch sein, dass zu viel Wissenschaftlichkeit in der Designtheorie neue Wege hemmt und die Anbindung an die praxisbestimmte Disziplin Design unterbindet? Wie weit darf oder auch muss sich Designtheorie vom Design in der Praxis lösen? Designtheorie könnte ein Rückzugsort der Designpraxis und dadurch der Agitation sein, um Anregungen und Hilfestellungen für die Designpraxis bieten. Oder Designtheorie versucht noch mehr, (sich) eigenständig zu entwickeln und zu handeln.

Kommen wir nun zum Versuch einer Definition – ein Versuch, der immer wieder neu beginnen wird und eine Definition, die sich eher durch Fragen statt durch Antworten auszeichnet und verdichten wird.

Designtheorie ist die gedankliche und modellhafte Auseinandersetzung mit der Disziplin Design im Sinne eines anteilnehmenden, evolutionären Prozesses, der dazu beitragen kann, der Designpraxis ein theoretisches Gerüst an die Hand zu geben und (eindeutige) Kommunikation zu befördern. Designtheorie bietet die Möglichkeit, Designprozesse zu analysieren, zu abstrahieren und weiterzuentwickeln (»designing design«) und dadurch Erkenntnisse  und Werkzeuge für weitere Gestaltung und Kommunikation über Design zu schaffen.

Im Idealfall werden Anknüpfpunkte gefunden oder sogar neue »Stellschrauben« geschaffen, die helfen, neue Formen und Ausprägungen von Design zu erschaffen. Im Sinnbild einer Bézierkurve werden (durch Analyse) Kontrollpunkte – salopp ausgedrückt: »Anfasser« – ausgemacht oder sogar neue hinzugefügt (Kontexterweiterung), mit der Designer neue Formen und Inhalte (Lösungen) generieren können.

Diese Definition ist vorläufig und basiert auf dem Anspruch der Designpraxis, durch die Designtheorie Untestützung zu erfahren. Ist Designtheorie aber eine rein anwendungsgebundene Disziplin oder gibt es etwas Eigenständiges und rein Modellhaftes, das nur der Designtheorie innewohnt? Diese Frage wäre noch zu klären, obwohl rein begrifflich eine Kopplung von Theorie und Design (als Inhaltsgeber, Zeichen und Artefakt) unumgänglich scheint. Damit sich Designtheorie als Disziplin in der Zukunft behaupten und besser kommuniziert werden kann, wäre es auf jeden Fall erfreulich und förderlich, einer zunehmenden Zergliederung des Begriffs »Designtheorie« durch eine neue Fokussierung entgegenzuwirken. Dies soll nicht bedeutet, dass es keine Teilgebiete und einzelne Themenbereiche geben kann und soll.

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