Welche Impulse kann Subkultur geben?

TRASH – Versuch einer Definition

TRASH bedeutet im Englischen MÜLL. Müssen wir uns damit beschäftigen? Eine erste Assoziation wird diesem Begriff wahrscheinlich nicht gerecht. Es geht um mehr: Randerscheinung, Subkultur, Impulsgeber.

Es geht hier nicht um TRASH im Kontext von Recycling sondern um TRASH als Gattungsbezeichnung innerhalb einer kulturellen und gestalterischen Ordnung. Es wäre einfach zu behaupten, dass TRASH keine Beachtung verdient, weil es, als Abfall betitelt, sich einer näheren Betrachtung entziehen will. Aber so einfach ist es nicht, weil TRASH immer auch heißt: Subkultur trifft Hochkultur. Und TRASH ist kein Zufall sondern ein in Erscheinungtreten von Umständen – Kontext und Wirkung inbegriffen.

Der Recyclingaspekt ist ein möglicher Ansatzpunkt. Dieser könnte im übertragenden Sinne hier sehr wohl eine Rolle spielen. Trash ist Abfall im weitesten Sinne – etwas, das bei erster Betrachtung keine Qualität und keinen (kulturellen) Wert hat. Das heißt aber nicht automatisch, dass ihm keine Relevanz und keine Verwertbarkeit innewohnt. Wie beim Recycling müssen wir vielleicht auch in diesem Bereich erst den Wert erkennen, herausfiltern und verfügbar machen. Vielleicht ist Trash nur Marketing der Subkultur? Vielleicht wird hier Unsinn als Sinn verkauft? Vielleicht werden hier Qualitätsmaßstäbe durch Nivellierung ausgehebelt?

Vielleicht ist es TRASH aber auch egal, wie er wahrgenommen wird. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke.

Trash könnte als der kleinste Nenner der Nische angesehen werden, wo sich all diejenigen treffen, die von der Hochkultur vergessen, verraten und verkauft worden sind. Trash könnte aber auch als Freiraum und gestalterische Spielwiese ohne kulturelle Zwänge angesehen werden. TRASH = der Sinn des Unsinns, die Schönheit des Hässlichen, das Besondere des Belanglosen? Die Nische für Neues?

Aber was zeichnet TRASH aus?

Im Folgenden eine erste, ungeordnete Zusammenstellung von Bedeutungszuweisungen und -eingrenzungen:

  • TRASH ist eine Randerscheinung
  • TRASH ist nicht der Hochkultur sondern vielmehr der Nicht-Kultur, Parakultur und Subkultur zuzurechnen
  • TRASH ist Teil der Unordnung und will sich der Einordung verweigern
  • TRASH ist Unschärfe
  • TRASH entspringt der Beliebigkeit und Belanglosigkeit
  • TRASH erfreut sich an der Bedeutungslosigkeit
  • TRASH beherbergt die Nische oder umgekehrt
  • TRASH ist so lange irrelevant, bis es wahrgenommen wird. Durch die Wahrnehmung und Kommunikation wird es in einen Kontext eingebettet und ihm eine Bedeutung zugewiesen
  • TRASH ist kontextabhängig. Ggf. verliert oder bekommt er Relevanz oder Bedeutung
  • TRASH ist der Sinn des Unsinns
  • TRASH hadert mit der Bedeutsamkeit
  • TRASH hat seinen (Kultur-)Wert noch nicht erreicht oder bereits verloren
  • TRASH setzt artfremde Wahrnehmung voraus
  • TRASH ist ein Abfallprodukt
  • TRASH darf nicht intendiert sein
  • TRASH polarisiert
  • TRASH kämpft ums Überleben
  • TRASH ist kein gestaltetes Produkt
  • TRASH ist Möglichkeit und überflüssig zugleich
  • TRASH trägt Relevanz durch sein Erscheinen in sich

Brauchen wir TRASH? Hat TRASH überhaupt eine Berechtigung? Braucht Gestaltung einen Gegenpol der Ungestaltung, einen Ort der Regellosigkeit, einen Ort der Entfaltung?

Nach dem Ausloten verschiedener Aspekte von TRASH folgt nun ein erster Definitionsversuch:

Der Begriff TRASH ist im sozio-kulturellem Kontext verortet. Ihm liegt eine notwendige Beschränktheit im Sinne einer Randerscheinung zugrunde. TRASH besetzt einen kleinen Raum, um den von der Gesellschaft gesetzten Parametern gewollt oder ungewollt zu entfliehen. Innherhalb dieser begrenzten Nische lotet TRASH Möglichkeiten der Selbstverwirklichung aus – fern einer Absicht der Übernahme in einen kulturellen Kanon. Durch die Loslösung von gesellschaftlichen Zwängen und aufgrund spezieller Bedürfnisse kann etwas Ungewohntes entstehen, das als Anregung für Gestaltung dienen kann.

 

 

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