Jeder Entwurf ist ein Zitat in die Zukunft

Ist es überhaupt möglich, etwas zu gestalten, was gar keinen Bezug zur Vergangenheit hat?

Jeder Entwurf ist ein Zitat in die Zukunft. Der Ausspruch spielt mit bekannten Begriffen, die einzeln betrachtet erst einmal in eine gegenläufige Richtung zu weisen scheinen. Betrachtet man den Ausspruch aber mehr systemisch, wird eine mögliche Bedeutung besser ablesbar.

»Entwurf« – von seiner Bedeutung her – ist an sich etwas in die Zukunft Gerichtetes. Es gibt einen »Standpunkt«, einen »Werfer« und den entsprechenden »Wurf« mit einer Zielabsicht. »Entwurf« steht in der deutschen Sprache in Abgrenzung zum englischen Wort »Design« und erreicht auch dadurch ein Alleinstellungsmerkmal. Der »Entwurf« wird in erster Linie als »Plan« oder eine Idee für eine Umsetzung (Produkt) gesehen. Der Begriff »Entwurf« beinhaltet also einen konzeptionellen Ansatz im Sinne einer »gedachten Gestaltung«.

»Zitat« wirkt auf den ersten Blick rückwärtsgewandt, statisch und bewahrend. Wie kann das Zitat in die Zukunft verweisen?

Wenden wir uns der lateinischen Bedeutung des Wortstammes »Zitat« zu, erfahren wir Folgendes:
lat. citatum: »das Angeführte; Erwähnte«
lat. citare: »herbeirufen; vorladen; sich auf jemandes Zeugenaussage berufen; anführen; erwähnen«
lat. ciere (citum): »in Bewegung setzen; erregen; antreiben; aufrufen; herbeirufen«

Im 15. Jahrhundert hatte das Zitieren in der Rechtsprache auch die Bedeutung eines »vor Gericht laden«. Hier kann man sehen, dass es nicht nur um einen Verweis sondern automatisch auch um eine Prüfung des Zitierten geht.

Zitieren geschieht nicht grundlos. Mit einem Zitat wollen wir einen Bezug zu einem erweiterten Kontext herstellen. Wir bedienen uns der gleichen Codes – benutzen diese, bestärken diese, stellen diese in Frage, erweitern diese, transformieren diese …

Ein Zitat beinhaltet aber immer auch Abstraktion. Trotz Quellenangabe wird das Zitat aus seinem Kontext gerissen und für unsere Bedürfnisse angepasst und letztendlich »umgeformt«. Wir fügen dem Zitat einen neuen Kontext (unseren »Text«) zu und erweitern es dadurch. Die ursprüngliche Bedeutung wird dadurch »aufgeweicht« und erweitert. Das Zitat dient als Anknüpfpunkt unseres Entwurfs (These) an das bestehende (wenn möglich anerkannte) Wissen. Dadurch wird es in einen bekannten Kontext verlagert und impliziert, es aus diesem Kontext heraus zu lesen und zu begreifen.

Um zu verdeutlichen, was das Ganze mit Entwurf und Gestaltung im Design zu tun hat, soll mit folgendem Zitat von Jacques Derrida der Textbegriff erweitert werden:

»Das, was ich also Text nenne, ist alles, ist praktisch alles. Es ist alles, das heißt, es gibt einen Text, sobald es eine Spur gibt, eine differentielle Verweisung von einer Spur auf die andere. Und diese Verweise bleiben nie stehen. Es gibt keine Grenzen der differentiellen Verweisung einer Spur auf die andere. Eine Spur ist weder eine Anwesenheit noch eine Abwesenheit. Folglich setzt dieser neue Begriff des Textes, der ohne Grenzen ist – ich habe deshalb gesagt, auch als scherzhafte Bemerkung, es gäbe kein Außerhalb des Textes –, folglich setzt dieser neue Begriff des Textes voraus, daß man in keinem Moment etwas außerhalb des Bereiches der differentiellen Verweisung fixieren kann, das ein Wirkliches, eine Anwesenheit oder eine Abwesenheit wäre, etwas, das nicht es selbst wäre, markiert durch die textuelle différance mit einem ›a‹. Ich habe geglaubt, daß es notwendig wäre, diese Erweiterung, diese strategische Verallgemeinerung des Begriffs des Textes durchzuführen, und der Dekonstruktion ihre Möglichkeit zu geben, der Text beschränkt sich folglich nicht auf das Geschriebene, auf das, was man Schrift nennt im Gegensatz zur Rede. Die Rede ist ein Text, die Geste ist ein Text, die Realität ist ein Text in diesem neuen Sinne. Es handelt sich also nicht darum, einen Graphozentrismus gegen einen Logozentrismus oder gegen einen Phonozentrismus wiederherzustellen, und auch keinen Textzentrismus. Der Text ist kein Zentrum. Der Text ist diese Offenheit ohne Grenzen der differentiellen Verweisung.«
Jacques Derrida, zitiert nach: Peter Engelmann, Postmoderne und Dekonstruktion, Texte französicher Philosophen der Gegenwart, Stuttgart, Reclam, 1990, S. 21

Ja, der Text ist die Offenheit ohne Grenzen der differentiellen Verweisung. Alles sind Spuren, die hergeleitet sind und wieder hinleiten. Der Verweis ist ein infiniter Prozess der Zuschreibungen, Umschreibungen, Beschreibungen. »Alles ist Text« soll also zur Maxime der Möglichkeit an sich werden.

Jeder Entwurf ist eine Stellungnahme zum bestehenden System. Neben das »Davor« und »Jetzt« wird ein »Nachher« gestellt, welches wir »Zukunft« nennen. Dieses »Nachher« entspricht zum größten Teil dem »Vorher« in dessen Vielfalt und Vielheit. Die »Spuren« der Vergangenheit zeichnen sich zwangsläufig im »Neuen« ab, weil sonst kein Verständnis und keine Verständigung möglich wäre. Der »Schritt« vorwärts hinterlässt eine »Spur« wie der vorherige und ist als »Spur« gerade dieses letzten Schrittes lesbar. Im Kontext der vorherigen »Schritte« zeichnet sich eine logische Abfolge ab.

Die »Spur« als auch der »Schritt« finden in einem Raum-Zeit-Kontinuum statt. Eben durch dieses Raum-Zeit-Kontinuum findet immer ein Verweis statt. Selten nur fällt ein unbeschreibares Etwas an einen bestimmten Ort, ohne dass eine Bestimmung des »Woher« möglich wäre.

Ist es überhaupt möglich, etwas zu gestalten, was gar keinen Bezug zur Vergangenheit hat? Könnten wir es überhaupt formen? Würden wir es überhaupt als »gestaltet« erkennen? Würden wir es überhaupt erkennen? Könnten wir es überhaupt beschreiben? Wohl kaum.

Bei jeder Gestaltung ist das »Woher« bestimmbar, das »Wohin« die Möglichkeit zur Veränderung. Der Entwurf ist das »Schreiben« mit direktem oder wagen Ziel, – nicht richtungslos sondern gerichtet, – nicht ohne Inhalt sondern mit bestehenden »Zeichen«, – nicht »textlos« sondern kontextverbunden.

Jeder Entwurf ist ein Zitat in die Zukunft.

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